Neue Rundschau

Anspruch

Neue Rundschau 2026/2 Ron Mieczkowski

Wer »Bücher macht«, steht regelmäßig vor der Frage: Für wen? Wer Bücher schreibt, wird manchmal von einer ganz ähnlichen, unwillkommenen Frage eingeholt: Wer soll, wer wird das lesen? Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben jener, die »Bücher machen« und ihnen in den Verlagen, den Fördereinrichtungen und auch den Agenturen den Weg bereiten, die erste und bleibende Antwort zu geben auf die zweite Frage – und sie damit für jene, die Bücher schreiben, aus der Welt zu schaffen. Denn wer Bücher schreibt, hat nämlich weit wichtigere Fragen zu beantworten.

      Bleibt jedoch die erste Frage: Bücher, aber für wen? Ein ausdifferenziertes System aus Marktforschungswesen und vereinter Buchvertriebserfahrung hat ein ganzes Prisma an Zielgruppenbeschreibungen dazu entworfen. Für jedes einzelne Buch verspricht dieses System eine Antwort. Es ist Verlockung und Beruhigung zugleich – und irgendwann auch Zermürbung: Sobald man von »Lesemotiven« hört, fiktiven Lesern, deren Antrieb zum Buch etwa sei, »eintauchen«, »entspannen« oder »verstehen« zu wollen, hat die Schublade den Zauber, den man selbst eben noch einem Buch zugeschrieben hat, sicher verstaut. In der Schublade ist er gebannt (→ Vorurteile).

      So viel Aufwand, um eine schlichte Frage zu beantworten. Man könnte argwöhnen, dass der Budenzauber der Zielgruppenrhetorik etwas anderes verdeckt. Mein Argwohn ist ein sehr konkreter. Ich glaube, dass die enorme Beschäftigung mit der richtigen »Platzierung« oder »Positionierung« eines Buches auf dem Markt und also die ängstliche Frage »Für wen ist dieses oder jenes Buch?« selbst Ergebnis einer Verdrängung ist, eine komplizierte Fehlleistung, damit ein anderer Begriff ja nicht wieder in Mode kommt. Ich meine, es ist das große Wort Anspruch.

       Anspruch ist ein schwieriger Begriff, man will ihn gleich vervollständigen zum Anspruchsvollen (dass ein Buch anspruchsvoll sei, will jeder abwehren), anspruchslos dagegen ist noch immer eine Beleidigung, wenn auch jeder Anspruch noch so sehr vermieden wird. Am Anspruch tut sich ein psychologischer Abgrund auf. Schaut man hinein, starrt einen daraus die Frage zurück, welchen Anspruch man an das eigene Tun legt, beim Büchermachen also natürlich daran, welche Bücher man denn nun »macht«.

      Der Selbstanspruch ist eine Sache, mit der sich jene, die Bücher schreiben, nur allzu gut auskennen. Wie oft genügt ein eigener Text nicht dem eigenen Anspruch – Becketts fail again, fail better (→ Aufhörer) ist auch für jene, die sich nicht täglich mit dem ganzen Schaffen vor einem inneren Gericht verantworten, Erinnerung daran, dass jedes Manuskript, jeder Satz schon einmal einem Urteil standhalten musste. Und wieder, und wieder, bis er an jene gelangt, die so glücklich sind, hauptberuflich in erster Linie nur lesen zu dürfen.

      Es wäre nur recht und billig, wenn auch sie einmal Rechenschaft darüber ablegen würden, was denn ihr Maßstab an sich selbst ist, an das eigene Kuratieren und Auswählen und Entscheiden. Welcher Anspruch sie leitet, wenn sie einem Debüt auf die Bühne helfen und sich gegen andere mögliche Manuskripte entscheiden. Und zwar, was dieser Anspruch wirklich ist, nicht, was das genannte Marktforschungswesen als das eigene Urteil nahelegt.

      Dieser Anspruch versteckt sich gerne, oder wird natürlich vielmehr versteckt, wieder von einem findigen Unterbewusstsein, das einer bestimmten Scham der Selbsterklärung, der Entblößung des eigenen Geschmacks entgehen will. Sogar in den Verlagsmottos, die ganze Programme handstreichartig erklären wollen, macht er sich rar. Das, wie ich finde, immer noch schönste Verlagsmotto macht da keine Ausnahme: Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno sprachen für die Andere Bibliothek von Büchern, »die wir selber lesen möchten«, die sie ausschließlich verlegen. Ja, welche Bücher möchtet ihr denn lesen?, will man ungeduldig rufen, und die Neugier, diesen seltenen, ganz persönlichen Geschmack zu greifen zu bekommen, kann auch kein Verweis auf die lange Reihe der bisher ausgewählten Bücher stillen.

      Ich glaube, die Frage nach dem Anspruch der hauptberuflich Lesenden ist leicht beantwortet. Er berührt sich mit dem Anspruch der hauptberuflich Schreibenden, ist vielleicht sogar mit ihm identisch, ganz sicher aber haben sich beiderlei Ansprüche in derselben Zeit auszubilden begonnen.

      Irgendwann hat man angefangen mit dem großen Mysterium, dem Lesen. Es gibt erste Lektüren, viele davon unvergesslich und buchstäblich prägend. Bücher, die einem aus entlegener Vergangenheit leuchten, wie professionell und routiniert das eigene Lesen auch geworden ist. Manches dieser frühen Bücher, manchen dieser Texte aus ersten Tagen kennt man besser als das Manuskript, das gerade auf dem Schreibtisch liegt.

      Ich will diese ersten Lektüren archetypische Leseerfahrungen nennen – bloß sind es ganz persönliche Archetypen. Sosehr man die Bücher auch mit anderen teilt, die Erfahrung ist immer eine unteilbare, ureigene, intime und kaum mitteilbare. In manchem Text haben wir als Kinder oder Jugendliche vielleicht ein Antidot entdeckt gegen eine Einsamkeit, gegen die nichts anderes geholfen hat. Andere Bücher haben uns zum ersten Mal ein Schaudern erfahren lassen, für das wir vielleicht erst später eine eigene Sprache gefunden haben. Wieder andere Bücher haben uns Staunen gelehrt, uns erschüttert, uns das absolut Fremde, das andere oder uns selbst im absolut anderen entdecken lassen. Wir haben diese Erfahrungen nicht gesucht, kein Motiv hat uns zu ihnen geführt.

      Ich behaupte, jede neue Lektüre, jeder neue Text, den wir heute lesen, wird mit dem Maß dieser ersten, prägenden Lektüren gemessen. Nicht einfach in der Weise, wie sich jeder Text mit der ganzen Reihe Texte messen muss, die vor ihm in die Welt gekommen sind. Sondern ganz und gar existenziell: Es gibt in uns weiter die Erinnerung an die Lektüren frühester Zeit, an die Erschütterung, die das Lesen einmal ausgelöst hat. Hin und wieder, mit einigem Abstand voneinander, müssen wir neue Lektüren machen, die uns diese frühen Erschütterungen wiederbringen. Wenn es ein »Lesemotiv« gibt, dann ist es dieses: Wir brauchen die Bestätigung, dass unser früheres Ich keinem falschen Zauber erlegen ist und richtiglag mit der ersten Entscheidung, nämlich zu lesen und weiterzulesen.

      Dieser Wunsch der Wiederholung einer bestimmten Erfahrung ist der Wunsch der Erfahrung von etwas als erstem Mal, und das immer wieder. Wer Bücher schreibt, kennt diese Erfahrung ebenso wie jene, die Bücher bloß »machen«. Der Wunsch stellt sicher, dass das Neue in die Welt kommt, so paradox das klingt. Neue Bücher, die uns, wenn sie wirklich große sind und anderen zu großen werden können, ein Erlebnis schenken, das wir schon einmal gemacht haben. Und das doch jedes Mal wieder ein neues ist.

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Dieser Text entstand exklusiv für die NEUE RUNDSCHAU 2026/2

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Porträt Ron Mieczkowski
© Rahel Bünter

Ron Mieczkowski

Ron Mieczkowski, geboren 1992, studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz, Berlin und Breslau. Er war sieben Jahre lang als Lektor bei der Anderen Bibliothek tätig. Danach arbeitete er ab 2023 als Lektor bei Matthes & Seitz Berlin, seit 2024 ist er Lektor für Belletristik und Sachbuch bei Diogenes. Beiträge in Tageszeitungen und Zeitschriften. Zuletzt erschien, von ihm aus dem Polnischen übersetzt und herausgeben, Andrzej Bobkowskis Hinter dem Wendekreis (2023).