Class Writing
In meinem Roman Das Schwarz an den Händen meines Vaters geht es um eine trinkende Reinigungskraft und die Liebe zu ihrem trinkenden Fabrikarbeiter-Vater. Liest man diesen Text, kann man sich viele Schwerpunkte herausfischen: Alkoholismus im Familiensystem, Abschied und Trauer oder eine besondere Vater-Tochter-Beziehung. Doch bin ich auf Lesungen unterwegs, begegnet mir immer wieder die Dimension der sozialen Klasse, denn meine Romanfamilie muss mit sehr wenig Geld auskommen, das der Vater dann noch regelmäßig in die Spielothek trägt. In den Fragen danach klingt es oft so, als sei das Schreiben darüber, im Zusammenspiel mit autofiktionalen Verfahren, etwas Neues. Geradezu ein neuer Trend. Vielmehr gab es diese Stimmen und Figuren schon immer, doch aktuell hat der Literaturbetrieb Kapazitäten dafür, findet Überschriften und Etikette. Ich freue mich darüber und lächle jedes Mal ehrlich glücklich, begegnen mir in Gesprächen Namen wie Louis, Baron, Stelling oder Voung.
Bei der Frage danach, warum Class Writing gerade jetzt an Bedeutung gewinnt, ist die Antwort fast offensichtlich begründbar mit dem Zustand der Welt. Soziale Ungleichheiten brüllen uns aus allen Richtungen an. Wie könnten sie also keinen Weg in das Geschriebene finden? Außerdem möchte ich glauben, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir mit Vorliebe schöne Menschen mit berechenbaren Problemen und ein Angebot auf Eskapismus (→ Eskapismus) in Erzählungen antreffen wollen. Zeiten, in denen wir vernarrt waren in das Immerschöne, vielleicht sogar in eine Vorlage dessen, was wir sein könnten und so gerne wären, könnten wir aus unserer Haut heraus. In denen uns Happy Ends so überaus wichtig waren. Dass uns eine Verdrossenheit ereilt hat dem Glattpolierten gegenüber. Stattdessen möchten wir Körper sehen, die unseren eigenen ähneln. In allem, was schön ist, und in allem, was hässlich bleibt. Wir wollen Geschichten hören, die Verwandtschaft mit unseren eigenen haben. Figuren, die ihre Post hektisch vor dem Briefkasten stehend aufreißen, weil sie es vor Anspannung nicht mehr bis in die Wohnung schaffen. Figuren, die von ihrer Lohn- und Carearbeit (→ Care) aufgeraut und erschöpft zurückgelassen werden. In deren Körper sich die Arbeit einschreibt, in ihre Hände und ihre Knochen, in die Art, wie sie schlafen und wie sie Urlaub machen, wie sie die Rente erreichen oder eben nicht. Figuren, die das Vertrauen in eine Aufstiegsidee zunehmend verlieren. Vielleicht, um zu begreifen, dass wir nicht allein sind. Um uns zu identifizieren und in unserem Leidensdruck eine Normalität zu finden. Weil die Dinge sich halb so wild anfühlen, wissen wir, dass es anderen genauso geht. Ich glaube, wir haben eine Sehnsucht, uns in Literatur selbst zu begegnen. Und das gilt für die lesende Busfahrerin im selben Maße wie für die lesende Deutschlehrerin. Literatur verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich nur an idealisierte Mittelschichtserfahrungen klammert.
Anders als die Arbeiter*innenliteratur des 20. Jahrhunderts kommt Class Writing sehr oft aus der Feder von Aufsteiger*innen, eher selten von denen, die noch immer unmittelbar in Strukturen eingebunden sind. Das ist schade, aber bedingt sich aus den Zuständen. Schreiben braucht Kapazität, und prekäre Lebenssituationen saugen diese oft aus Schreibenden heraus. Und der Zugang auf alles, was es braucht, um Kunst zu schaffen, ist nicht für alle gegeben. Außerdem tragen wir alt-verhärtete Narrative davon herum, wem das Schreiben und Lesen zugestanden wird und wem nicht. Verfestigte Bilder davon, in welchen Räumen Literatur entsteht, an welchen Tischen, durch welche Hände, und wo wir uns anmaßen zu glauben, dass da höchstens die Onlineversion der Fernsehzeitung durchgeblättert wird.
Und so fühlt sich Class Writing letztendlich doch nicht wie ein neuer Trend an, sondern wie das längst Überfällige. Wie eine große Dringlichkeit.
Menschen brauchen Geschichten, die ihnen die Wahrheit über ihre Gesellschaft erzählen.
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Dieser Text entstand exklusiv für die NEUE RUNDSCHAU 2026/2