Editorial
2000 bis 2025 – was war da los? Was fällt uns ein, was ist uns wichtig, wenn wir an die Literatur der 2000er Jahre denken?
Natürlich fallen einem fast automatisch all die Namen, Zahlen und Ereignisse ein, die den Beginn des 21. Jahrhunderts als Zeit der »Krise« oder »Polykrise« und als Epoche der Backlashs und politischen Regressionen lesbar machen. Die Schlagwörter im Literaturbetrieb lauten: 12 Millionen weniger Buchkäufer/innen, eine Halbierung der Zahl an Sortimentsbuchhandlungen, zunehmende Lücken in den Lieferketten, Marktkonzentrationen, steigende Kosten, Pay-Gap, autokratische Kulturpolitik etc.
Richtet man aber den Blick auf die Literatur selbst, kann weder von Krise noch von Regression die Rede sein. »Die noch von der Gruppe 47 herstammende Hegemonie wurde aufgebrochen, weibliche, migrantische, queere Sprecher/innenpositionen wurden eingebaut«, so der Literaturkritiker Dirk Knipphals in seiner Bilanz zur Leipziger Buchmesse 2025. Die 2000er Jahre waren (und sind) also vor allem auch das: »eine Epoche der Öffnung«. Man müsse, so Knipphals, »die Errungenschaften festhalten, sonst verflüchtigen sie sich wieder«.
Errungenschaften also, in der Öffnung der erzählten Welten, in den diversen Sprecher/innenpositionen, auch in den Vokabularen und Schreibweisen – darum soll es vor allem gehen in diesem Heft. Wobei »festhalten« merkwürdig defensiv und »verflüchtigen« längst schon zu harmlos klingt. So wenig, wie die Errungenschaften vom Himmel gefallen sind, so wenig lassen sie sich konservieren oder dauerhaft feiern: Errungenschaften verflüchtigen sich nicht, sondern werden angegriffen und abgeschafft, und ohne fortgesetztes Ringen gibt es ganz schnell auch keine Errungenschaften mehr.
Was dieses Heft unbedingt vermeiden will, ist das, was die spanische Philosophin Marina Garcés »postume Kondition« nennt. Charakteristisch für die postume Kondition sind nicht kritische, mutige Fragen wie »Wohin?« oder »Inwieweit?«, sondern einzig und allein die wehmütige, rückwärtsgewandte Frage »Wie lange noch?« Deshalb ist dieses Heft keine Bilanz, keine heroische oder postheroische Erzählung, sondern ein vielstimmiger, durchaus auch stolzer, fröhlicher Mitschnitt aus aktuellen Kämpfen, Suchbewegungen, Selbstverständigungen. Im besten Fall weist dieser Mitschnitt auch bereits über die Zeit bis 2025 hinaus.
In der Tat: Nie war die (deutschsprachige) Gegenwartsliteratur so offen und divers, so komplex und lebendig wie in den vergangenen 25 Jahren. Aber was heißt das? Wie geht es weiter? Und wer spricht hier überhaupt? Wie lässt sich sprechen über den (total falschen) Kollektivsingular »Gegenwartsliteratur«? Unser Vorschlag: als spielerisches Glossar. Mit naheliegenden und abwegigen Stimmen, neuen und etablierten, mit denen wir uns prägnante Perspektiven ins Heft geholt haben. Alphabetisch und kontingent, aber alles andere als beliebig. Die Neue Rundschau als carrier bag.
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Dieser Text entstand exklusiv für die NEUE RUNDSCHAU 2026/2
Sascha Michel
Sascha Michel, geboren 1970, lebt in Frankfurt am Main und arbeitet als Lektor für Literatur im S. Fischer Verlag. Seit 2015 unterrichtet er als Dozent bei dem Fortbildungsprogramm Buch- und Medienpraxis an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen Die Unruhe der Bücher. Vom Lesen und was es mit uns macht (2020) und Leere. Eine Kulturgeschichte (2024).
Sebastian Guggolz
Sebastian Guggolz, geboren 1982, studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Volkskunde in Hamburg. Nach einigen Jahren als Lektor bei Matthes & Seitz Berlin gründete er 2014 seinen eigenen Verlag, in dem er Neu- und Wiederentdeckungen vergessener Klassiker aus Nord- und Osteuropa in neuer Übersetzung herausgibt. Für seine Arbeit erhielt Guggolz mehrere Preise, u. a. die Übersetzerbarke, den Kurt Wolff Förderpreis und mehrfach den Deutschen Verlagspreis. Seit 2022 verstärkt Sebastian Guggolz als Teamleiter Klassik das Literaturlektorat des S. Fischer Verlags. 2025 wurde er zum neuen Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt.
Klara Böke
Klara Böke, geboren 1999 in Dinslaken, Studium der Gesellschaftswissenschaften, Philosophie, Literatur und Sprache, war nach einer Anstellung im Landtag NRW als studentische Hilfskraft am Politischen Institut und ebenfalls als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur von Prof. Dr. Christian Metz der RWTH Aachen tätig und arbeitet heute als Lektorin für Literatur im S. Fischer Verlag.