Bianca Walther im Interview zu ihrem Buch »Die Vorkämpferinnen«
Warum der Kampf um Frauenrechte nie zu Ende ist
Wir erleben aktuell weltweite Debatten um Rollbacks, Steuerrecht und reproduktive Rechte. Warum ist genau jetzt der richtige Moment, sich mit den Frauenrechten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu beschäftigen? Was können uns die historischen Vorkämpferinnen für die heutigen Krisen lehren?
Gerade angesichts der vielen Rückschritte, die wir im Moment erleben, lohnt es sich unbedingt, unsere Geschichte zu kennen. Alle Rechte und Freiheiten, die Frauen heute haben, wurden gegen große Widerstände erkämpft. Und diese Widerstände unterschieden sich in weiten Teilen gar nicht so sehr von den heutigen: Frauen wird nicht zugehört, ihre Anliegen werden übergangen. Das war im Kaiserreich bei den Debatten um das BGB so, und das ist heute noch so, wenn bei Haushaltskürzungen der Rotstift ausgerechnet dort angesetzt wird, wo es mehrheitlich Frauen, queere Menschen, Kinder, Menschen mit Behinderung und rassismusbetroffene Menschen trifft – also all diejenigen, die nicht zum privilegierten Club der weißen, cisgeschlechtlichen, heterosexuellen, nichtbehinderten Männer gehören.
Sie brechen die oft bürgerlich dominierte Geschichtsschreibung auf und erzählen das Leben der Arbeiterfrau Marie John – der Urgroßmutter Ihrer eigenen Mutter. Wie hat diese persönliche Spurensuche im eigenen Stammbaum Ihren Blick auf die historische Frauenbewegung verändert?
Die Recherchen zu Marie haben mich unglaublich bewegt. Alles, was ich über sie weiß, stammt aus standesamtlichen und kirchlichen Unterlagen, doch selbst diese kalten Fakten erzählen eine ergreifende Geschichte. Marie war Arbeiterfrau in Berlin-Kreuzberg. Ihr Mann war ungelernter Bauarbeiter; sie selbst hatte sieben Kinder geboren. Die Familie lebte in großer Armut. 1899 – mit 41 Jahren – starb sie an Hirnhautentzündung, vermutlich als Folge der desaströsen hygienischen Verhältnisse in den Berliner Mietskasernen.
Mir war wichtig, auch ihre Geschichte und die ihrer Schwester Christiane zu erzählen, um auch den Frauen eine Stimme zu geben, die von politischem Engagement nicht einmal träumen konnten, weil schlicht die Kapazitäten dazu fehlten. Die beengten Wohnverhältnisse, die Armut, die Kinder- und Müttersterblichkeit im Kaiserreich, all das ist im Prinzip ja bekannt. Ich wollte aber konkret erfahrbar machen, was die Ausbeutung der Arbeiterschicht für die Menschen bedeutete und welche geschlechtsspezifischen Auswirkungen es dabei gab.
Sie schreiben von der proletarischen Frauenbewegung rund um Pauline Staegemann, die sich völlig anders organisieren musste als die bürgerlichen Frauen. Was können moderne soziale Bewegungen von dem Mut und der Kreativität dieser Arbeiterinnenvereine lernen?
Ich denke, Pauline Staegemann & Co. wären stolz auf moderne soziale Bewegungen. Die Frauen damals setzten auf die Kraft des Sich-Verbündens. Dabei mussten sie gerade als Arbeiterinnen kreativ mit ihren Ressourcen umgehen: Sie hatten ja sehr wenig Zeit, denn zusätzlich zur Haus- und Sorgearbeit waren viele von ihnen auch noch erwerbstätig.
Diese Kreativität sehen wir in modernen sozialen Bewegungen ebenfalls. Zeit für regelmäßige Vereinsarbeit wird immer knapper. Vernetzungs- und Aktionsformen werden daher spontaner und flexibler. Gleichzeitig braucht es dauerhafte Strukturen, um nachhaltiges Arbeiten möglich zu machen. Auch hier gingen die Vereinsmeierinnen von damals mit gutem Beispiel voran – indem sie Strukturen schufen, die auch Unterstützungskassen betrieben und sich in Dachverbänden oder der Gewerkschaftsbewegung weiter organisierten.
Ich finde aber auch, dass die Bündnispolitik der frühen Arbeiterinnenvereine einen genaueren Blick lohnt. Die Frauen hatten legitime Gründe, eine organisierte Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung abzulehnen. Punktuelle Zusammenarbeit konnte jedoch immens erfolgreich sein – wenn sie gelang. Ein Beispiel ist die Verbesserung der Lage der Heimarbeiterinnen, die Arbeiterinnen und bürgerliche Frauen gemeinsam erstritten haben. Vielleicht lässt sich daraus etwas lernen: Wir müssen nicht in allen Belangen einer Meinung sein. Aber dort, wo wir es sind, müssen wir zusammenstehen und zusammen kämpfen.
Ihr Buch endet nicht mit einem klassischen Epilog, sondern mit der Feststellung, dass die Geschichte nie zu Ende ist. Wenn Sie auf das Jahr 2026 blicken, fühlen Sie sich da manchmal wie Hedwig Dohm im Jahr 1909, die sich als „Wiederkäuerin“ vorkam, weil sie das zehnmal Gesagte ein elftes Mal sagen musste?
Und wie! Und ich glaube, nicht nur ich. Wenn ich das Zitat auf Lesungen bringe, gibt es meist Gelächter im Publikum, weil wir es so nachfühlen können. Hedwig Dohm fand es ermüdend, dass die Gegner der Emanzipation „wieder und wieder dieselben Behauptungen aufstellen, unter absoluter Ignorierung unserer Widerlegungen, und uns damit nötigen, das zehnmal Gesagte noch einmal zu sagen.“
Dieses Gefühl, dass Frauen seit Jahren immer die gleichen – guten! – Argumente bringen, aber schlicht nicht gehört werden, ist ja nach wie vor immens präsent. Diejenigen, die vom Status quo profitieren (oder zu profitieren glauben), sind durch gute Argumente allein nicht weit genug aus ihrer Komfortzone zu bewegen. Das erkannte auch schon Helene Lange, die jahrzehntelang für Mädchenbildung gekämpft hatte. Auch sie stellte irgendwann fest, „dass hier uns eine Macht gegenübersteht, die nie gewonnen, sondern nur durch unbeugsames Beharren auf unserem Boden gebrochen werden kann.“
Und so schade das ist, dass es nicht anders geht: Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das Patriarchat auch weiterhin auf dieses unbeugsame Beharren unsererseits wird einstellen müssen.
Das Buch erzählt die Entstehungsgeschichte der deutschen Frauenbewegung von der Revolution 1848 bis zur Einführung des Frauenwahlrechts im Januar 1919. Es zeigt, dass beispielsweise das Wahlrecht kein plötzliches Geschenk war, sondern das Ergebnis eines über Jahrzehnte andauernden, harten Kampfes.
Bianca Walther ist Historikerin, Podcasterin und Autorin. Bekannt ist sie unter anderem durch ihren Instagram-Kanal @frauenvondamals, auf dem sie Frauengeschichte nahbar und anschaulich vermittelt.
»Die Vorkämpferinnen« richtet sich an alle, die sich für Gleichberechtigung, Geschichte, Feminismus und gesellschaftspolitische Zusammenhänge interessieren – egal ob Geschichts-Fans oder Neueinsteiger:innen.