Geraldine Oetken im Interview zu ihrem Debütroman »Frieda«
Spurensuche nach einer vergessenen Geschichte im NS-Regime
Deine Urgroßtante Frieda war die längste Zeit eine Leerstelle in der Familiengeschichte: Niemand hat je von ihr erzählt oder wusste mehr, als dass sie 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderungen gestorben ist. Dein Debüt ist die Suche nach Frieda, nach ihrer Geschichte. Wie hast du angefangen, dich ihr zu nähern?
Irgendwie von außen. Von meinem Hier und Jetzt aus. Ich hatte nichts, was auf sie selbst hinweisen würde. Keine Dokumente, keine Briefe, keine Aussagen von ihr selbst. Deshalb habe ich versucht, so viele Verbindungen wie möglich von meiner Zeit zu ihrer zu schaffen. Kleine Brücken des Kontexts, die mir zumindest ihre Welt erschließen könnten. Und gleichzeitig war da auch immer eine Wut dabei, dass eine Schwester, eine Tochter, eine Tante einfach so vergessengemacht wurde.
Welche Herausforderungen sind dir bei der Recherche begegnet? Welche Funde haben dich überrascht?
Ich dachte am Anfang, dass Frieda nur ein paar Archivakten weit weg wäre. Aber sehr schnell habe ich festgestellt, dass von ihr als Person, als Individuum, als Mensch, fast nichts mehr aufzufinden ist. Deshalb musste ich früh meine Suche ausweiten: auf das Heim, die andere Patient*innen, auf meine Familie, auf die Stadt selbst. Als ich gemerkt habe, wie groß das Vergessen ist, dass die Leerstelle nicht nur Friedas Leben beschreibt, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu suchen.
Frieda ist im Kloster Blankenburg gestorben, an einem "Ort ohne Erinnerung". Welchen Zugang hast du zu ihrer Welt gefunden?
Das Heim im Kloster wirkte für mich unheimlich abstrakt. Denn es gab keine Beschreibungen oder aufgeschriebene Erinnerungen, keine Zeitzeug*innenberichte, die ich finden konnte. Irgendwann aber bin ich auf eine Liste gestoßen, die für eine Versicherung jedes Möbelstück aufzählt. Jede Lampe, jeden Stuhl, jedes Bett. Solche kleinen Details haben mir geholfen mich überhaupt räumlich in den Ort hineinzudenken und auch dessen Geschichte nicht nur zu zeigen, sondern plastisch zu machen.
Warum ist es heute wichtig, eine Geschichte wie die von Frieda zu erzählen? Was hat sie mit uns zu tun?
Friedas Leben, ihr Aufenthalt im Heim und ihr Sterben haben mir gezeigt, wie schnell sich in
der NS-Zeit das empfundene Normal der Gesellschaft verschoben hat, auch im
allerprivatesten. Oder gerade dort. Ich will Antennen für solche Verschiebungen haben. Um
diese auszurichten, braucht man den Blick in die Vergangenheit.
Das Buch beschreibt die Spurensuche der Autorin Geraldine Oetken nach ihrer Urgroßtante Frieda. Diese lebte mit einer Behinderung und starb 1941 während der NS-Diktatur in einer Anstalt. Das Werk verbindet persönliche Familiengeschichte mit der historischen Aufarbeitung der NS-Krankenmorde, der sogeannten Euthanasie.
Die Handlung beruht auf realen historischen Ereignissen im Nationalsozialismus, insbesondere der sogenannten »Aktion T4« beziehungsweise den NS-Euthanasie-Verbrechen. Ein zentraler Schauplatz der Recherche ist das Kloster Blankenburg bei Oldenburg, das damals als Heil- und Pflegeanstalt diente.
Der erste Schritt führt meist über regionale Stadt- und Staatsarchive sowie Gedenkstätten. Ebenso wichtig ist jedoch die Bereitschaft, innerhalb der eigenen Familie unangenehme Fragen zu stellen und das Aushalten von Lücken zu akzeptieren, da historische Dokumente oft unvollständig sind. Auch ist es bei dem SPIEGEL-NSDAP-Archiv möglich, eine Suche zu starten.